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Bay of Plenty

2018, Animationfilm, 12:03 min, 16:9, color, sound

Exhibition view, One is too few and two is only one possibility, LOKAL14, Zurich

Filmstills

Ein Film von Milva Stutz

Animation
3D – David Schlatter
Stop-Motion – Milva Stutz

Editing
David Schlatter
Milva Stutz

Sounddesign & Mastering
Lucia Cadotsch
Ludwig Wandinger

Eine virtuelle Inselplattform, ihre Bewohner*innen und einige pflanzenartigen Objekte sind Schauplatz und Personal des Animationsfilms von Milva Stutz. Meer und Insel zeichnen sich durch artifizielle Glätte aus, während allen Lebewesen eine plastische Körperlichkeit zu eigen ist. Aus orangem Plastilin geformt, weisen die Figuren händische Fertigungsspuren auf, in manchen Kameraeinstellungen sind sogar die Fingerabdrücke auszumachen. In vier Szenen, die jeweils auf einem anderen Teil der Insel spielen, vollziehen die Lilits», wie Stutz ihre nackten Figuren nennt, Rituale der (Selbst-)Erkundung, Kontaktaufnahme und Begegnung. Zunächst mit ausschliesslich weiblichen Geschlechtsattributen ausgestattet, entpuppen sich die «Lilits» im Verlauf des Films immer mehr als sexuelle Wesen, deren Körpersprache und Gesten sie als neugierige, erfahrungshungrige und reflexionsfähige Subjekte ausweisen. Insbesondere ihre Fähigkeit, ihre Körper zu verformen, innert Kürze Geschlechteridentitäten zu wechseln und dabei auch neue, temporäre Formen zu entwickeln, führt zu teils slapstickähnlichen Situationen. Auf erste, noch eher unbeholfene Versuche, mit den Pflanzen der Insel in Austausch zu treten, folgen immer intensivere Körper-Verschmelzungen und Transformationen, bis schliesslich gegen Ende des Films eine der «Lilits» ihren Körper markant ausweitet und sich in eine zähe, wabernde Masse verwandelt. Diese überzieht zunächst als Bronze schimmernde Belag die Meeresoberfläche, bevor sie sich viral im Universum ausbreitet.
Es ist keine Insel der Seligen, die Milva Stutz in ihrem Animationsfilm entwirft. Vielmehr birgt der scheinbar paradiesische Urzustand der kleinen Inselgemeinschaft handfeste Herausforderungen und schwierige Entscheidungsprozesse in sich. In welchem Zustand der fluiden, sich klaren Zuschreibungen entziehenden Identität verharren? Wie die andere(n) wiedererkennen, wenn sich Körpergrenzen und biologische Unterschiede verändern lassen, wenn schon der blosse Gedanke an (Selbst-)Optimierung eine sofortige körperliche «Wirkung» zeigt? Nicht von ungefähr bleiben die Gesichtszüge der mutablen Wesen ungerührt, eher lakonisch; sie ergeben sich quasi der Faszination ihrer Fähigkeiten bzw. Körperlichkeit, folgen dem Drang nach Veränderung, Neu-Erfindung bis hin zur Entgrenzung. Es ist nicht auszuschliessen, dass den «Lilits» eine Rückkehr in eine konkret fassbare Re-Präsentation des Körperlichen verwehrt bleibt; das Ende des Films signalisiert jedoch eher das Bild eines Kreislaufs, der sich potenziell an anderen Orten, zu anderen Zeitpunkten wiederholt.
Die dichotome Anlage von Figuren und Handlungen sowie deren formale Korrespondenz machen evident, dass Milva Stutz Ansätze der Queer Theory aufgreift. Nicht von ungefähr scheint Bay of Plenty auch eine feministische Weiterschreibung der grossen christlichen Ursprungserzählung zu verfolgen: der Gestus der Schöpferin, nachdrücklich manifest in den gekneteten Lebewesen; der Moment des Sich-Erkennens, im direkten Wortsinn sowie im biblischen Verständnis; die (vermutlich) irreversible Veränderung der Welt als Folge der (physischen) Grenzüberschreitung. All diese Aspekte verleihen dem Animationsfilm trotz – oder gerade aufgrund – seiner medialen Umsetzung und damit einhergehenden Semantik den Charakter einer (Gesellschaft-)Vision: Eingehüllt in sphärischen Sound testen die «Lilits» ihr Körperpotenzial, erkunden Möglichkeiten der leiblichen Entgrenzung und lernen sukzessive, wie sie sich neue (Lebens-)Bedingungen erschaffen können.
Text: Irene Müller

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